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TV Noir im Heimathafen Neukölln

Fast wie bei den Montagsmalern: Blödeln, plaudern, witzig sein

Aus dem Keller holen sie noch Stühle. Auf den Stufen vor der Bar dürfe man aber keinesfalls sitzen bleiben. Menschen mit Walkie Talkies, mit Pässen, mit Kopfhörer-Mikrofonen von Hubschrauberpiloten rennen umher. Der rote Vorhang ist halbkreisförmig angestrahlt, die Galerie ganz oben, die den Heimathafen Neukölln zu einer etwas tantigen Stätte macht, ist voll besetzt.



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Gleich sind alle im Fernsehen und im Internet. Tex Drieschner, der Moderator von TV Noir, stimmt die Zuschauer schon mal ein. Es gäbe einen Song zu singen und der Text dazu stehe auf den Zetteln auf den Stühlen, dann kämen aber auch gleich Kettcar und Deep Sea Diver.

 

Also singt der ganze Saal doch wirklich mit. Aus den Mündern kommt ein lustiges Lied über Leuten im Fernsehen, die Hektoliter Champagner trinken und zu der Hamburger Gruppe "Die Sterne" gehen. Bürgerlich ironisch intoniert Tex das Stück mit Akustikgitarre. Fehlt nur noch ein Funkenregen aus den Holunderblüten-Lampen von der weißen Decke und es gebe keinen schöneren Ort auf der Welt, als der Vorhang nach links und rechts surrt und ein Wohnzimmer freilegt.

 

Der Aufbau der Musik-Plauder-Blödelrunde ist typischer Szene-Biedermeier. Markus Wiebusch, der Sänger von Kettcar, und Niklas Kramer, der Kopf der Gruppe Deep Sea Diver, sitzen um den Moderator herum auf braunen, ausgewetzten Sofas und Sesseln. Die rechten Beine werden natürlich über die linken geschlagen. Zurücklehnen, ankommen. Im Hintergrund hängt ein schlimmes Naturstillleben. Eine orangene Oma-Leuchte sorgt für warmes Licht. Rechts daneben sind Instrumente aufgebaut, Schlagzeug, Keyboard, Hackbrett, Gitarre.

 

Innerhalb von drei Jahren wurde aus einem kleinen Nischenformat ein größeres Nischenformat. Aus dem Café Edelweiß in Friedrichshain zog die Sendung nach Neukölln. 2009 gab es eine Grimme-Online-Award-Nominierung. Seit Mai 2011 wird TV Noir online und auf ZDF-Kultur gesendet, in schwarz-weiß, das sieht cooler aus. Es werden immer zwei Musiker eingeladen. Die machen Ratespiele, Montagsmalerei, Luftanhalt-Wettbewerbe. Dazwischen spielen sie immer Songs; eigene und Coverversionen. Das ist wie Zimmer Frei, nur ohne Essen.

 

Der Moderator hat ein Mathe-Diplom, angeblich mit 1,0. Er trägt eine Brille und sagt ganz oft das Wort "cool". Als erstes spielen Kettcar "Nach Süden". Ein Stück über das Glück im Kleinen. Die Hamburger werden häufig für kluge Texte gelobt. "Nach Süden" beschreibt die Fahrt mit einem Freund, der gerade nach eineinhalb Jahren keinen Krebs mehr hat, das Krankenhaus verlässt. Da ist es wirklich Glück, den Kopf auf der Fahrt aus dem Fenster zu halten, den Wind spüren und durchatmen. Der Hamburger mit dem großen Körper und der kleinen Gitarre singt das so schön, so rauchig mit Lebenserfahrung.

 

Niklas Kramer hat weniger zu erzählen. Seine Band Deep Sea Diver spielt diesen Akustik-Elektro-Pop, der ganz lange auf einem Akkord bleibt, harmonisch toll gesungen ist, aber so unterkühlt klingt, sowieso nur aus ganz wenigen, sich wiederholenden Zeilen besteht. "International" nennt das Tex, aber nicht jeder der Thom Yorke gut findet, wird auch so gut wie Radiohead. Auch der Bart, das weite Jeanshemd und die hochgekrempelte Hose reichen da nicht.

 

Kramer ist lustiger als Schauspieler. Bei einem improvisierten Theater-Stück, in dem die Begriffe "Glitzer", "Wodka", "Außerirdische" und "Schienenersatzverkehr" vorkommen müssen, humpelt er, als einer der die Apokalypse verschlafen hat, über die Bühne. Das Publikum imitiert ein Klingeln. Vor der Tür steht Wiebusch als Chuck Norris. Markus Norris packt den Jungspund beim Schlafittchen, der stottert "Willst du bisschen Wodka?"

 

Nach der Pause folgt ein Zuschauer-Spiel. Matthias drängt sich auf. Er will einen Witz erzählen, "der ausnahmslos alle zum Lachen bringt". Auf Kärtchen konnte man Performances vorschlagen, die wurden in einem Sack gemischt und dann gezogen. Matthias bringt nicht alle zum Lachen, aber bekommt seine fünf Minuten. Er gewinnt einen Kasten Astra, einen Gästelistenplatz und einen Beutel mit Wein und Musik. Tex ist wirklich nett. Er serviert den gar nicht ab, er lässt den Typen gewähren. So endet auch diese Apokalypse noch im Happy End.

 

TV Noir findet jeden Monat sonntags im Heimathafen Neukölln statt.

 



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