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Ägypten

Hoffnungen einer Revolution

Für eine junge ägyptische Frau von gerade 35 Jahren ist Nora Younis schon erstaunlich viel herum gekommen.
Sven Lambert



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1977 als Tochter eines Journalisten und einer Beamtin in Kairo geboren, hat sie mit 18 das Abitur gemacht und an der Ain Shams Universität englische Literatur studiert, danach mit einem Bachelor-Abschluss in der Tasche als "Tour Operator" für ein Reisebüro, in einem großen Hotel an der Rezeption, als Assistentin eines Lehrers an der American School in Kairo und für das Ägypten-Büro der amerikanischen Lebensmittel-Behörde FAO gearbeitet. "So ist das eben bei uns, man nimmt jeden Job, den man bekommen kann."

 

Sie war Mitarbeiterin einer privaten NGO, die Mikro-Kredite an die Bewohner einer Armengegend in Kairo vergab. Das Geld wurde nicht in bar ausbezahlt, sondern zum Kauf von Kaninchen verwendet, die sich so schnell vermehrten, dass die Besitzer nicht nur selber immer etwas zum Essen, sondern auch genug Tiere zum Verkauf hatten. Nachdem sie das Prinzip der animalischen Wertschöpfung begriffen hatte, wechselte sie zu einer dänischen NGO, die sich um die Bildung und Erziehung von Frauen kümmerte. Es folgte ein Jahr bei einer UN-Agentur, die Ägypter nach Venezuela schickte, damit sie dort lernen, wie man landwirtschaftliche Kooperativen organisiert.

Kurze Videos im Internet

2005 fing Nora Younis an zu bloggen. Sie stellte Reportagen, Kommentare und kurze Videos ins Netz. Und sie machte es so gut, dass sie dem Kairoer Korrespondenten der "New York Times" auffiel, der sie als Praktikantin in sein Büro holte. Dort lernte sie professionelles Schreiben, wurde freie Mitarbeiterin der "Los Angeles Times" und der japanischen Tageszeitung "Nikkei", bis sie schließlich 2007 von der "Washington Post" angeheuert wurde. Zwischendurch verbrachte sie drei Monate an der Universität von Syracuse im Bundesstaat New York, die ihr ein "Fellowship" angeboten hatte.

 

Nach drei bewegten Jahren fand Nora Younis eine Arbeit, bei der sie alles, was sie bis dahin gelernt hatte, einsetzen konnte: als Managerin der "Multi Media Unit" der Tageszeitung "Al Masri Al Youm", wo sie u.a. für die arabische Website und die englische Druckausgabe ("Egypt Independent") zuständig ist. Inzwischen mit einem Filmproduzenten verheiratet und Mutter eines zweijährigen Sohnes, arbeitet sie täglich zehn bis zwölf Stunden an sieben Tagen der Woche. Ebenso wie ihre Eltern ist sie eine "weltliche Muslima", die es mit der Religion nicht so genau nimmt.

 

Als am 25. Januar letzten Jahres die Unruhen ausbrachen, da war Nora Younis gerade in Tunesien, wo man den Präsidenten Ben Ali bereits gestürzt hatte. Am 28. Januar kehrte sie nach Kairo zurück, um an einem Ereignis teilzunehmen, "mit dem niemand gerechnet hatte, nicht einmal die radikalen Linken", der Revolution in Ägypten. Als Erstes verlegte sie die Redaktion der Website in das Hotel "Semiramis Interconti", von wo man den Tahrir-Platz zu Fuß erreichen konnte. Und nachdem die ägyptische Regierung die Internet- und Telefonleitungen ins Ausland gekappt hatte, war das "Semiramis" der einzige Ort in Kairo, der eine eigene noch funktionierende Verbindung zur Außenwelt hatte. Was dem Besitzer eines Providers namens "Noor" (Licht) zu verdanken war, der in dem Hotel lebte. "So konnte man in der ganzen Welt unsere Geschichten lesen und sehen, nur nicht in Ägypten."

 

So kam auch das Material für den Dokumentarfilm "Reporting A Revolution" zustande, den Nora Younis jetzt am Rande der Berlinale vorstellte. Sechzig Minuten lang aus den Aussagen und Berichten von sechs Reportern montiert, hält er die entscheidenden Tage und Wochen nach dem 25. Januar fest, "als wir alle daran glaubten, dass in Ägypten eine neue Zeit anbrechen würde". Kaum ein Jahr später ist die "große Koalition" aus Linken, Republikanern, Muslimbrüdern und den "neuen Nasseristen" auseinander gebrochen. "Wir haben alle zusammen gegen Mubarak gekämpft, jetzt geht jeder seinen eigenen Weg." Sie habe damit gerechnet, dass die Muslimbrüder die Wahlen gewinnen würden, "aber höchstens mit 40 und nicht mit über 60 Prozent". Sie fühle sich "benutzt und verraten", obwohl die Moslembrüder noch nichts unternommen hätten, denn auch nach den Wahlen liegt die Macht in den Händen der Militärs.

 

Wie lässt sich das Wahlergebnis erklären? Zwei Gründe, sagt Nora Younis, seien entscheidend gewesen. Erstens habe das Gerücht die Runde gemacht, wer nicht zur Wahl gehe, müsse 500 ägyptische Pfund Strafe zahlen. Zweitens hätten die Prediger in den Moscheen den Menschen eingehämmert, wenn sie nicht die Muslimbrüder wählten, würden "Ungläubige die Wahlen gewinnen und Ägypten ins Chaos stürzen". Wer nicht die Zeit und die Möglichkeit hatte, sich über die Kandidaten zu informieren, der sei eben auf die Propaganda reingefallen und habe den "netten Nachbarn von nebenan" gewählt, der zufällig ein Muslimbruder war. Dennoch sei sie über die ersten freien Wahlen glücklich. "Wenn sie die Regierung übernehmen, werden die Muslimbrüder scheitern, und es wird bald Neuwahlen geben."

Das Leben seit der Revolution

Nora Younis sagt das mit einer Gewissheit, als habe sie sich nicht erst vor kurzem mit einer Vorhersage vertan. Nein, die Muslimbrüder werden es nicht schaffen, Ägypten in einen islamischen Gottesstaat zu verwandeln. Sie hätten Einfluss, aber kein Programm, um Ägyptens Probleme zu lösen, das würden die Ägypter bald erkennen. Bleibt die Frage, wie sich ihr eigenes Leben seit der Revolution verändert habe. Ob sie sich in Kairo ebenso frei und unbelästigt bewegen könne wie in Berlin? Ohne Kopftuch und in einem knappen ärmellosen Oberteil? Nora Younis überlegt eine Weile, bevor sie antwortet. "Du kannst machen, was du willst, wenn du bereit bist, die Konsequenzen zu tragen. Es ist deine persönliche Entscheidung."

 



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