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Jonas Burgert

Albtraum auf Leinwand

Der Berliner Künstler Jonas Burgert feiert international Erfolge mit seinen monumentalen Bildern. Ein Hausbesuch
 
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Jonas Burgert

Jonas Burgert malt Albträume auf Leinwände. Gruselige Gesellen, halb Mensch, halb Kreatur mit Masken und langen abgespreizten Fingern, kontrastiert mit quietschbunten Farben in blau, gelb, pink und grün starren aus den Bildern heraus. Sie suchen fieberhaft nach Blickkontakt. Die Gestalten seiner Szenerien erinnern an den Clown Pennywise aus Stephen Kings "Es", an Menschen in Affenkostümen aus Kubricks Film "2001" oder an Francisco de Goyas oder Hieronymus Boschs dramatische Figuren. Ab 27. April zeigt die Galerie Blain Southern seine großformatigen Bilder. Es ist seit fünf Jahren die erste Schau in der Heimatstadt des Künstlers.

 

Burgerts Szenerien spielen auf der Bühne des Lebens, Massenaufläufe, in denen Figuren auf verschiedenen Ebenen durchs Bild fallen, klettern oder getragen werden. Düstere Menschenlandschaften, aus denen schrille Farben dem Betrachter entgegenspringen. Auf Burgerts Bühne herrscht das Chaos. Man kann lange vor seinen Bildern stehen und sich auf die Suche machen nach versteckten Details, Kinderbällen, Totenköpfen, Klerikern oder menschlichen Abgründen. Passiv vorbeischlendern funktioniert bei den schon mal wohnzimmergroßen Bildern nicht. Nur einmal habe Burgert erlebt, dass eine Besuchergruppe kam, kurz auf eines der Mammutwerke sah und weiterlief. Das sei schockierend gewesen, danach habe er sich gefragt, was er anders machen müsse. Der Kunstmarkt hätte darauf geantwortet: nichts. Denn er feiert den Maler wie einen Star. Seine Werke sind international gefragt, die Preise liegen im sechsstelligen Bereich. Agenten führen eine Warteliste für Interessenten, die einen Burgert besitzen wollen - egal welchen.

 

Die Seele aufs Tablett legen

Vor sieben Jahren, damals arbeitete Burgert noch auf dem Bau und sein Name war unbekannt, hat ihn der Kurator der Hamburger Kunsthalle auf einer Gruppenausstellung in Kreuzberg entdeckt. Zwei seiner Bilder hat der Künstler zwischen hunderte Werke von Konkurrenten gehängt. Es waren die richtigen, denn der Förderer kaufte ein drei Meter großes Bild und ermöglichte ihm kurz darauf eine Schau in der Kunsthalle. Danach wurden seine Arbeiten zum Selbstläufer, er stellte bei Thomas Olbricht in Berlin und in der Londoner Galerie Saatchi aus, schließlich klopfte die Royal Academy of Arts an. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die der 42 Jahre alte Künstler erzählen kann. Von Zur-richtigen-Zeit-am-richtigen-Ort-Theorien will er nichts wissen. "Die Hamburger Kunsthalle wäre nicht auf mich aufmerksam geworden, wenn ich mich vorher nicht entschieden hätte, anders, authentischer zu malen", sagt er. Früher habe er sich in abstrakter Kunst versucht, habe nicht den Mut gehabt, Persönliches preiszugeben. Kurz vor der Kreuzberger Ausstellung aber habe er begonnen figürlich zu malen und sich durchgerungen, in den Bildern seine Seele aufs Tablett zu legen, seine Gefühle zu zeigen. Ein Risiko, das ihn in der unterkühlten Künstlerszene angreifbar macht. Doch die Sammler lieben ihn.

 

Alles, was Burgert umgibt, wirkt überdimensional. Er empfängt in seinem 800 Quadratmeter großen Atelier in Weißensee, wo die Stadt noch unfertig ist, Brachen vor sich hinwildern, umgeben von leeren Fabrikgebäuden, freiem Gelände. Eine Spielwiese für Künstler. In einem dieser graffitibesprühten Häuser malt Burgert an seinen Riesenbildern, ein bis zwei Monate braucht er, um eines fertigzustellen. Mitten im Raum zwischen Farbtuben, leeren Zigarettenschachteln, Staffeleien und alten Zeitungen steht eine große Treppe mit Rollen. Wenn der hoch gewachsene Künstler auf sie steigt, kann er die komplette Leinwand erreichen, um seine existenziellen Welten zu erschaffen.

 

So sehr der Maler in seinen Bildern sein Inneres präsentiert, im Gespräch gibt er sich bodenständig. Er sei bemüht, die Preise für seine Bilder solide zu halten. Sie sollen nicht durch die Decke schießen, so dass nur noch ein kleiner Kreis Sammler sie sich leisten kann. Burgert trägt Jeans, Jacket und die blonden dicken Haare wuschelig. Seine Fingernägel sind von dicken schwarzen Farbrändern umzingelt, es sieht nicht so aus, als gäbe es eine Chance, sie jemals wieder sauber zu schrubben. Die blauen Augen blicken unaufgeregt, nur die Füße wollen nicht still stehen, wippen unruhig auf und ab. Als er sich Milch aus einer Packung in den Kaffee schenkt, läuft die Hälfte über. "Das ist doch Wahnsinn", sagt er, "wir fliegen auf den Mond, aber niemand erfindet eine Milchpackung, mit der man nichts verschüttet." Fast rührend, dass auch ein Jonas Burgert sich über solche Alltagsprobleme ärgert.

 

15 Jahre bis zur eigenen Sprache

Zweifel kenne er nur zu gut, immer kurz vor den Ausstellungen sei er unzufrieden mit seinen Bildern. Zum ersten Mal hat er diesmal auch drei Skulpturen geknetet. Mitten in der Galerie kniet eine männliche Figur im Anzug auf allen Vieren. Der Kopf kahl, die Finger überproportional lang wie oft bei Burgert, kriecht er auf dem Boden, blickt elend nach oben, die Augen als schwarze Löcher, die den Betrachter zu durchdringen suchen. Es ist ein in Bronze gegossener menschlicher Abgrund.

 

Burgert hat recht, er hat seinen authentischen, wiedererkennbaren Stil gefunden, er weiß, was funktioniert. Es dauert 15 Jahre, bis man seine eigene Bildsprache entwickelt hat", sagt er, "deshalb gilt man auch mit 40 noch als junger Künstler." Vorbilder habe er nie gehabt, warum auch, dann würde er ja das malen, was es schon gebe. Und natürlich wolle er lieber seine eigene Spur in dieser Welt hinterlassen. Dazu fällt ihm dann auch noch ein Witz ein: "Die Erde und ein anderer Planet treffen sich, fragt der Planet: Und wie geht's so? Die Erde antwortet: Nicht so gut, ich hab homo sapiens. Darauf der andere Planet: Das geht vorbei."

 

Galerie Blain Southern Potsdamer Str. 77-87, Tiergarten. Tel. 64 49 31 510. 27. April-7. Juni, 11-18 Uhr.



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