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Als erstes fallen die klobigen Wanderstiefel auf. Wir sind mit Chantal verabredet, der Ikone der Berliner Subkultur und Herrin des House of Shame, einer donnerstäglichen Party im Bassy Club am Pfefferberg, die zum globalen Ruf Berlins als Partyhauptstadt nicht unwesentlich beigetragen hat. Chantal ist transsexuell, oder wie sie es nennt: "ein schwuler Mann mit Titten". Doch statt im Fummel erscheint sie ungeschminkt ("Ich kann das Make Up nicht mehr riechen") mit Schlabbershirt und robustem Schuhwerk. "Wenn ich donnerstags die ganze Nacht auf meinen High Heels rumlaufe, tun mir bis Dienstag die Füße weh."
Ihr raues Lachen verrät jahrelangen Zigarettenkonsum und Dauereinsatz im Berliner Nachtleben. Ihre Erscheinung ist eine sehr eigenwillige Mischung aus Attributen beider Geschlechter, die kerlige Kleidung steht im Kontrast zu den langen Haaren, lackierten Fingernägeln und Brustimplantaten. Auf ihrer Party ist die Sache eindeutiger, wenn sie "aufgetranst" Electropunkbands und Dragqueens ankündigt und auch selbst auftritt. Im Laufe von mittlerweile 13 Jahren hat sie damit ein Forum für Undergroundkünstler geschaffen, das nicht nur in Berlin ihresgleichen sucht und ihr neben dem Beinamen "Heidi der Subkultur" auch den Respekt vieler Szenegrößen wie Gloria Viagra, Sherry Vine oder Salomé eingebracht hat.
Das alles ist jetzt in der Filmdokumentation "House of Shame - Chantal All Night Long" zu sehen, die am Donnerstag ins Kino kommt. Die Fotografin und Filmemacherin Johanna Jackie Baier hat sie drei Jahre lang mit der Kamera begleitet, zeigt sie auf der Bühne und backstage, dazwischen viele der internationalen Acts, Grenzgänger wie sie selbst, experimentell, laut und im Zweifel immer am guten Geschmack vorbei. "Queer" heißt das heute für alles jenseits der Norm. Und so treffen sich im House of Shame, benannt nach einem Gedicht von Oscar Wilde, Schwule, Lesben, Transen und Heteros, die der Routine von Kommerzpartys überdrüssig sind. Rausch und Exzess, das große Heilsversprechen der Berliner Nacht, Chantal versucht es einzulösen, Woche für Woche, bis zum Umfallen. Nüchtern ist die Welt da draußen schon genug.
"Rein kommt erst mal jeder", erklärt Chantal die Türpolitik ihrer Party, Ausgrenzung ist nicht ihr Ding. Was auch an ihrer eigenen Biographie liegen mag. 1980 kommt sie nach Berlin, eher durch Zufall. Damals heißt sie noch Thomas Nikolas und ist "ein schwuler Hippie mit langen Haaren, den viele für ein Mädchen hielten". Der weiß selber noch nicht so genau, wer oder was er ist, will nur raus aus dem Kaff bei Heidelberg, per Anhalter an der Autobahnausfahrt. Der erste Wagen, der anhält, fährt eben nach Berlin. Jemand erzählt von besetzten Häusern in der Oranienstraße, umsonst wohnen klingt gut. Er/sie entdeckt den Transenstrich auf der Frobenstraße, wo sie die nächsten 17 Jahre anschaffen wird. "Transen konnten damals nur auf Partys auftreten oder auf den Strich gehen." Den eigenen Körper verkaufen war lukrativer. Das ging viele Jahre gut, wenn man ihr und dem Film glauben darf, denn so ganz ohne Grenzen geht es natürlich auch für eine wie Chantal nicht. Die Kindheit ist in der Doku kein Thema und "so ganz ohne Missbrauch auch nicht interessant", die Zeit als Prostituierte wird nur gestreift. Aber sie hat, im Gegensatz zu vielen anderen, überlebt.
"Irgendwann merkt man, dass man dafür zu alt wird, dann fragt man sich schon, was kommen soll." Den Absprung schafft sie, als eine andere Berliner Szenegröße, Lola M., sie fragt, ob sie nicht bei ihrer Clubparty an der Bar arbeiten wolle. Dort wird sie schnell so populär, dass die Leute eher wegen ihr kommen. Bald schon wird ihr angeboten, die Party selbst zu veranstalten. Ohne Konzept und recht chaotisch legt sie los - und trifft damit genau den Geschmack vieler Partygänger, denen andere Berliner Clubs zu langweilig geworden sind. Und so ist das im Grunde bis heute. Wenn gegen ein Uhr morgens die Show beginnt, ist so gut wie alles möglich.
Ihre Überlebensstrategie, damals wie heute? Vielleicht dass sie trotz aller Exzesse im richtigen Moment die notwendige Disziplin hat. "Ich bin noch nie an einem Donnerstag ausgefallen, weil ich die Nacht vorher abgestürzt bin." Und dann erwähnt Chantal im Nebensatz "meinen Mann", einen 27-Jährigen, der einen gutdotierten Posten bei einem großen Unternehmen hat und mit dem sie auch mal auf dem Sofa kuschelt und "Tatort" guckt. Wird sie jetzt doch noch bürgerlich? "Was bitte ist spießig an einer 50-jährigen Transe, deren Mann so alt ist wie ihre Implantate?", platzt es aus ihr heraus. Und mit lackiertem Zeigefingernagel klopft sie auf das Aufnahmegerät: "Das kannst du gerne so aufschreiben!"
Wie sie sich ihre Zukunft vorstellt, wollen wir am Ende noch wissen. Sie kann ja nicht ewig auf hohen Absätzen über die Bühne stöckeln. "Ich will irgendwas in meinem Leben länger machen als die 17 Jahre Transenstrich. Das House of Shame ist jetzt 13. Was ich die nächsten vier Jahre mache, ist also sicher. Und was danach kommt... wer weiß?"
Der Film
"House of Shame - Chantal All Night Long": Premiere am 7. Juni um 21.15 Uhr im Moviemento.
Der Club
Chantals House of Shame: immer donnerstags ab 23 Uhr im Bassy, Schönhauser Allee 176a.
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