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Bühne

Das Universalgenie

Malen, lehren, inszenieren - Achim Freyer kann fast alles. Nun führt er an der Staatsoper Regie
Achim Freyer

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Achim Freyer

Die Premiere ist schon am Freitag, wie die Endproben so laufen? Ach, winkt Achim Freyer ab, "jeder Tag ist eine Überraschung." Der Opernregisseur will nicht zugeben, dass er wieder einmal voller Zweifel ist. Worum er gerade ringt: Die Festa, die festliche Schlussszene von "Rappresentatione di Anima et di Corpo", dem "Spiel für Seele und Körper", ist eine rauschende Musik. Und die will er auch genau so haben, sagt Freyer. Aber er möchte, dass die Darsteller auf der Bühne "im Wartesaal in Dunkelheit versacken." Jede Art von Feierstimmung sei doch an dieser Stelle verlogen. "Natürlich könnte ich das inszenieren, ich bin ja ein Meister des Opulenten", sagt der Regisseur: "Aber in dem Stück hat der Himmel noch nicht gesiegt."

 

Bildersammlung in der Villa

 

Der 1934 in Berlin geborene Achim Freyer gilt als ein schwieriger, stets unzufriedener Geist, seine Fans nennen ihn ein Genie. Genau genommen ist er ein Universalgenie: als Opernregisseur, als Maler und Grafiker, als Bühnen- und Kostümbildner, als Museumsdirektor. Über Jahrzehnte hinweg war er Professor an der heutigen Universität der Künste. Er selbst versteht sich zuerst als Maler. Daheim in seiner Berliner Villa zeigt er stolz seine Bildersammlung. Nein, er ist kein egomanischer Maler, es geht nicht nur um seine eigenen Bilder. Freyer sammelt eher verschattete Stimmungen jenseits bunter Prächtigkeit. Sein Haus ist rauf und runter voll davon, Malerprominenz hängt gleich neben Trödelmarktkünstlern. Über einem kleinen Durchgang schlummert im Halbdunkel ein Picasso, in den Räumen verteilt hängen größere und kleine Werke von Beckmann und Pechstein, Neo Rauch, Strawalde, Penck oder Kirchner. Dazwischen ein Stillleben seiner Tochter Julia, in einem Raum hat seine früh verstorbene Frau Ilona die Decke bemalt.

 

Dass mit dem Museumsdirektor ist durchaus ernst gemeint. Seit Jahren will er seine Villa in eine Freyer Stiftung umwandeln. Aber Museumsgründungen sind in Deutschland zuerst ein Verwaltungskraftakt. Die Eröffnung zieht sich noch hin. Er selbst ist bereits unters Dach gezogen, in den Stockwerken darunter sind die Atelierräume und die Galerie. In einem Raum steht ein Flügel, unterhalb der Tür wird der Vorhang gespannt, für Oper als Puppentheater. Ein Raum für Hausmusik. Vielleicht kommen Freunde wie Placido Domingo und Rolando Villazon wieder einmal vorbei, sagt Freyer.

 

In seinem zweiten Leben ist er ein großer Opernregisseur, der sich auch in Berlin an der Deutschen Oper und der Staatsoper bereits die wunderbarsten Buhstürme eingeholt hat. Unter den Linden hatte er 2008 Tschaikowskis "Eugen Onegin" mit Villazon inszeniert. Alle wollten Rolando sehen, die zwanghafte Inszenierung hat viele verwirrt. "Jedes gute Kunstwerk, das über die Gegenwart spricht, ist eine Provokation", sagt Freyer. Sein Schaffen speist sich von Traumatisierungen, Verzweiflungen, Zwängen. Auf der anderen Seite pflegt er das Circensische, das Naive, sein 1988 gegründetes Freyer-Ensemble setzt sich aus Schauspielern, Tänzern, Akrobaten und Musikern zusammen. Als Künstler hat Freyer, der seine Theaterlaufbahn als Meisterschüler von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble begonnen hat, immer klare Ansagen gemacht. "Ich würde nie etwas malen oder inszenieren, was mich nicht interessiert." Darüber hinaus gibt er zu, dass er überhaupt nicht wisse, was beispielsweise in einem Hamlet vorgeht. "Aber ich kann die Wahrheit über mich erzählen und wie ich mich in bestimmten Situationen verhalten würde", sagt er, "und irgendwann entlässt man die Figuren in die Welt". Sprich: auf die Bühne. Ein weiteres Freyer-Statement: "Gute Musik bleibt immer ein Geheimnis, der Regisseur hat die Aufgabe, sie sichtbar und erfahrbar zu machen."

 

Erst töten, dann essen

 

Seit einigen Jahren steckt Freyer tief in Wagners Schöpfung drin. In Los Angeles hat er den "Ring des Nibelungen" gemacht, jetzt kreiert er ihn völlig anders in Mannheim. Eigentlich habe er sich nie für Wagner oder Bayreuth interessiert, sagt er. Aber dann habe er einmal "Tristan und Isolde" in Brüssel inszeniert. Wagners Musik könne das Unterbewusstsein aktivieren, glaubt er, und dabei auch die Abgründe freilegen. "Er besingt die Schönheit der Natur, aber in allem lauert zugleich der Abgrund. Es geht um Neid, Gier, das Brünstige." Für Freyer gehört das zur Wahrheit, die sich auch in der Kunst zeigen muss. "Die Menschen heute verdrängen, dass man erst etwas töten muss, um es essen zu können. Überhaupt werden die Urängste einfach nicht mehr zugelassen. Aber unsere Häuser, Kleider, auch das Internet sind letztlich Särge für unsere Seelen."

 

Wagners Werke, darüber sind sich die Opernkenner einig, sind der Höhepunkt der Gattung Oper. "Ich kann nicht sagen, wie es mit der Oper weiter geht", sagt Freyer, der zeitlebens auch neue Werke zur Ur- oder Erstaufführung gebracht hat. Orakeln will er nicht. Aber mit Cavalieri zieht es ihn jetzt in die Anfänge der Oper zurück. Jacopo Peris "La Dafne" von 1597 gilt als erste Oper überhaupt, dicht gefolgt von den Werken Monteverdis. Cavalieris sakrales Spiel zum Heiligen Jahr wurde im Oratorio della Vallicella, einem Saal der Bruderschaft des Heiligen Filippo Neri, im Februar 1600 erstmals aufgeführt.

 

Der Römer Emilio de' Cavalieri war gleichermaßen Komponist, Diplomat und Tänzer, ein Renaissancemensch eben. "Es ist eine fast unschuldige Musik", sagt Freyer, sie sei hochpoetisch. Damals gab es noch keinen Orchestergraben, alles wird auf einer Ebene verhandelt, zwischen Himmel und Erde. "Es wird eine Art Wertesystem diskutiert", sagt der Regisseur. Eine Handlung im eigentlichen Sinne gibt es nicht, das Stück besteht aus Statements allegorischer Figuren. Auch Körper und Seele verhandeln ihre Zukunft. Ein Bühnenkörper, meint er, der über menschliche Innerlichkeit spricht. Kein Wunder, dass Freyer mit der rauschenden Festa hadert.

 

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel.20354555 Termine: 8.6. (Premiere), 10., 13., 15., 17.6.



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