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Interview

Die Techno-Pädagogin

Marusha spricht über den Summer Rave, ihren Sohn und Kanzlerin Angela Merkel

Marusha

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Marusha

Sie sei etwas schüchtern, sagt Marusha vor dem Interview. Kürzlich habe sie im Flugzeug die Schauspielerin Hannelore Elsner gesehen, aber nicht angesprochen. Stattdessen schob sie einen Zettel rüber. "Ich heiße Marusha und finde dich toll". Die Antwort, ebenfalls per Zettel: "Du bist süß. Hier ist meine Telefonnummer." Nach einem Redaktionsbesuch bei der Berliner Morgenpost ist die Musikerin im Gespräch mit Philip Volkmann-Schluck aber nicht zurückhaltend. Frisch wirkt sie. Vergeblich sucht man in ihrem Gesicht die Spuren von 22 Jahren als Profi-DJ.

 

Berlin 1: An diesem Sonnabend legen Sie auf dem Summer Rave auf. Das klingt eher nach den 90er-Jahren. Wie viel Rave steckt noch in der Stadt?

 

Marusha: "Rave" heißt ja übersetzt "eine größere Zusammenkunft". Diesen Geist will der 3. Summer Rave wieder erwecken. 20.000 Menschen kamen im vergangenen Jahr. Musikalisch steckt da aber wenig aus den 90ern drin. Es läuft zeitgenössische, moderne Musik. Da falle auch ich nicht aus dem Rahmen. Obwohl ich auch einige Platten von damals mitnehme.

 

Berlin 1: Spielen Sie "Somewhere over the Rainbow"?

 

Marusha: Die letzten zwei Jahre ja, die Masse hat mitgesungen. Aber dieses Mal überlege ich mir etwas anderes.

 

Berlin 1: Heute sind angesagte Berliner Clubs, Berghain oder Kater Holzig, bekannt für strenge Türsteher. Längst nicht jeder darf rein. Worin liegt dagegen der Reiz, möglichst viele Leute zu erreichen?

 

Marusha: In einer Stadt mit 3,5 Millionen Menschen darf man sich spezialisieren. Ich hänge auch gern geschützt im Club ab. Aber Musikfans sollten sich die Großzügigkeit erhalten, beides zuzulassen. Ich fühle mich geerdet nach einer großen Sause; dort sieht man die Menschen, mit denen man in einer Stadt lebt, die einen täglich begleiten, aber einem kaum auffallen. Weil es im Alltag wenig Schnittstellen gibt.

 

Berlin 1: Die Karten gibt es im Supermarkt...

 

Marusha: Ja, das Ergebnis ist eine gesunde Mischung. Es kommen Gäste, die einen speziellen DJ sehen wollen. Und welche, die es toll finden, dass mal wieder etwas Großes stattfindet. Das sind übrigens meist sehr tolerante Menschen.

 

Berlin 1: Wie erreichen Sie dieses Publikum?

 

Marusha: Ein Publikum, das vielleicht nur einmal im Jahr ausgeht, ist schwerer zu bespielen. Da kann man nicht einfach sein Set durchziehen. Es ist wie bei Büchern: In den Club gehen Menschen, die viel Fachliteratur lesen. Auf dem Rave dagegen gilt es, Zuhörer an neue Themen heranzuführen. Wie bei einem Referat, das nicht vor Experten gehalten wird. Gut verständlich, aber der Inhalt muss rüberkommen.

 

Berlin 1: Wie bereiten Sie sich vor?

 

Marusha: Wie beim Reisen: Ich packe immer in letzter Minute, dann nehme ich nur das Wichtigste mit. Ich will eine Geschichte erzählen, die im Rave endet.

 

Berlin 1: Klingt nach einer Reise in die Vergangenheit. Am Freitag kommt "Club arrest", Ihr neues Album raus. Was ist zu hören?

 

Marusha: Ein Album aus eigenen Stücken, wie ein Clubabend mit sexy Techhouse, Vocals, Sphären. Es bringt dich gut drauf, beim Tanzen, Putzen, oder Autofahren. Und zu meinem Set beim Rave: Nein, das ist nicht rückwärtsgewandt. Elektronische Musik hat eine gewachsene Struktur. Viele Kids heute waren nicht mal geboren, als ich mit Musik angefangen habe. Dabei hängt alles zusammen, wie in der Architektur: Ohne die Pyramiden gäbe es vielleicht keine Wolkenkratzer. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, sein Wissen zu erweitern. Das ist mein Anspruch.

 

Berlin 1: Klingt pädagogisch...

 

Marusha: Ja, aber ich betrachte mich selber auch immer als Schülerin. Ich bin menschenfreundlich, das ist es.

 

Berlin 1: DJ Westbam, ein Weggefährte, ist Millionär. Auch "Somewhere over the Rainbow" war einer der großen Hits der 90er. Müssen Sie überhaupt noch arbeiten?

 

Marusha: Nicht mehr zu arbeiten, das wäre traurig. Ich gehöre weder zu den Armen noch zu den Superreichen. Meine griechische Mutter ist Bankerin, ich habe meine Finanzen gut angelegt. Meine Wohnung, in der ich lebe, gehört mir.

 

Berlin 1: In der Szene gab es damals Kritik an Ihrem Hit: Sie hätten Techno kommerzialisiert...

 

Marusha: Ich war eine der ersten, die so etwas gemacht hat, also habe ich den ganzen Unmut abbekommen. Ich finde das Lied gar nicht so kommerziell, es war eine spontane Idee, die wir umgesetzt haben. Die Breakbeats sind britisch, das war nicht Mainstream. Ich hatte schlicht Glück, einen großen Nerv zu treffen. Geärgert habe ich mich über Musiker, die erst nett zu mir waren und später sagten, ich sei von Produzenten als Püppchen nach vorne gestellt worden. Dabei war es andersrum: Erst kam mein Hit, später neue Produzenten. Heute sehe ich das gelassen. Meine Arbeit ist mein Talent, meine Intention. Wer polarisiert, ist frei. So wie Berlin.

 

Berlin 1: Berlin?

 

Marusha: Es hilft, eine harte Schule zu durchlaufen. Berlin wird immer kritisiert, dass hier nichts klappe, zuletzt der Flughafen. Die Berliner sind robust wie Kakerlaken, das meine ich sehr positiv: Sie überstehen diese Angriffe, und immer wenn etwas wehtut, entsteht in dieser Stadt etwas Freies und Schönes daraus. Nein, ich bin keine Technokakerlake (lacht). Aber weil ich sensibel bin, habe ich mir einen Schutz zugelegt und stehe dazu, was ich mache.

 

Berlin 1: Sie sind alleinerziehende Mutter. Wie passt das zum Leben als DJ?

 

Marusha: Ganz egoistisch: es ist wunderschön, mit meinem sechsjährigen Sohn Zeit zu verbringen. Jeder Moment, etwa wenn ich ihn morgens zur Schule gebracht habe, ist sofort Vergangenheit. Dieser Gedanke arbeitet tief in mir. Ich toure weniger und vermeide Flüge länger als drei Stunden.

 

Berlin 1: Maximal drei Flugstunden. Wohin?

 

Marusha: Gern Russland. Aber weniger Moskau, diese Champagnerpartys im Ibiza-Style, das ist nicht meine Botschaft. Super war es in Murmansk am Polarkreis, nah am sowjetischen Friedhof für Atom-Boote. Mich hat ein riesiger Russe abgeholt, erst hatte ich Angst, im Auto erzählte er dann von seiner Heimat. Ganz lieb. Wir kamen dann in einen Luxus-Club mit einer Anlage wie im Berghain.

 

Berlin 1: Klingt auch nach Champagner...

 

Marusha: Nein, ich habe darauf bestanden, dass meine Party wenig Eintritt kostet und nur eine kleine Gage berechnet. Es kamen normale Leute, herzlich und krass. Die haben mich umarmt, wie ich da hinter den Plattenspielern stand. Das waren Emotionen. Kein Bussi-Bussi wie in München.

 

Berlin 1: Fühlen Sie sich im Ausland wohler?

 

Marusha: Nein, überhaupt nicht. Deutschland ist ein wunderbares Land, ich verbringe sogar meinen Urlaub hier. Ich habe auch unsere Kanzlerin gewählt, Angela Merkel. Ich bewundere ihre stoische Ruhe.

 

Berlin 1: Sie sagen, dass Sie keine Drogen nehmen. Wie überstehen Sie die langen Partys?

 

Marusha: Nach 22 Jahren Auflegen bin ich gut trainiert. Wie ein Fußballspieler, der 14 Kilometer pro Spiel läuft. Ich mache viel Sport und ernähre mich gesund.

 

Berlin 1: Telefonieren Sie vor den langen Partys mit Ihrem Sohn?

 

Marusha: Wenn ich auf Reisen bin, telefonieren wir nicht. Diese Nähe ist schwierig für ihn, sie macht nicht glücklich. Nein, viel wichtiger: ich sage ihm genau, wann ich zurückkomme. Diese Versprechen halte ich immer ein. Darum geht es bei Kindern.

 

Berlin 1: Sie haben moderiert und geschauspielert. Und jetzt?

 

Marusha: Ich habe im Piloten zu einer Comedy-Doku mitgespielt, dort bin ich die Managerin der Hamburger Band "Deichkind". Mehr darf ich nicht verraten, aber es ist sehr lustig. Und ich entwickele ein Parfüm, das ist mein Mädchentraum. "Radar", sehr maskulin und unisex. Männer lieben ihn, das weiß ich schon jetzt.

 

Berlin 1: Werden Sie wieder einen Club eröffnen?

 

Marusha: Nein, es gibt in Berlin genug Leute, die tolle Clubs machen. Ich tue mir das nicht mehr an. Das war etwas für junge, kinderlose Jahre.



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