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Direkt gegenüber der Bayerischen Vertretung geht es durch den Bühneneingang in die Komische Oper Berlin. Und weil man sich so leicht verlaufen kann, zeigt Pavel den Weg. Pavel ist Dramaturg hier und hält im Rahmen der Kurt-Weill-Woche einen Vortrag mit dem Titel "Zarteste Versuchungen: die Kuh, das Kapital und der Geist Montmartres". Pavel hat einen Schokoriegel bei sich und weil er freundlich ist, bietet er an, ein Stück abzugeben.
Er freut sich sehr, dass die drei Ladys da sind. Im Laufe der Kurt-Weill-Woche singen und spielen die drei Damen ausgewählte Stücke von Kurt Weill und noch ein bisschen mehr. Die stehen inzwischen vor einer klickenden Masse von Fotografen. Ganz links steht Dagmar Manzel, ganz rechts Ute Lemper und in der Mitte ist Gisela May. Ganz wirklich. Gisela May, die große Brecht-Interpretin, steht da mit ihren 88 Jahren und lächelt. Die May, bei sogenannten Diven, schreibt man ja häufig den Vornamen mit einem Artikel, hat schon gesungen und gespielt als Ute Lemper und Dagmar Manzel noch gar nicht geboren waren. Das war eine Zeit, da gab es noch richtige Diven. Lemper und Manzel sind schon fast zu spät dran. Diva kommt von göttlich und wird in diesen Tagen meist so ein bisschen abwertend benutzt, um Menschen mit unangebrachtem Hochmut zu beschreiben. Wenn Diven Göttinnen sind, dann auf jeden Fall monotheistische. Normalerweise dulden sie neben sich keine andere. Obwohl die beiden jüngeren nun auch keine zwanzig mehr sind, Lemper ist 49 und und Manzel 54, hat ihr Umgang mit May eine mädchenhafte Bewunderung, die eben so gar nicht divenhaft ist.
Bald setzen sich die Damen wieder genau so hin, wie sie schon standen. Die Sofas sind weiß, die Tische davor schwarz. Über ihnen hängen so Kugellampen wie kleine Monde. Der Pressesprecher fragt Gisela May, ob sie was trinken wolle. Und sie sagt nur: "Was mit Geschmack." Die Ute Lemper bekommt das mit, und will dem Pressesprecher helfen und fragt so halb in seine und halb in Mays Richtung "Fanta?". Die May antwortet. "Bloß nicht." Dann fragt der Pressesprecher: "Apfelsaft?" Die May nickt und der Pressesprecher geht Getränke holen. Als er zurückkommt, gießt er Gisela May einen Orangensaft ein. Das Glas belustigt betrachtend, bemerkt Lemper, dass das ja sicher nicht der Apfelsaft für Gisela sei. Der Pressesprecher meint, Apfelsaft sei aus. Am Ende trinkt May ein Wasser und Dagmar Manzel schmunzelt in Richtung der neun Journalisten, die sich vor den drei Frauen auf roten Samtsesseln eingerichtet haben.
Und dann geht es los. Das gute Frage-Antwort-Spiel. Aber eigentlich muss gar keiner Fragen stellen, weil sich die Damen schon zu dritt gut verstehen. Ute Lemper strahlt richtig, und das obwohl sie Berlin mal mit einer Blinddarmentzündung verglichen hatte. Das hat wohl damit zu tun, dass andere über ihre Rolle in "Der blaue Engel" Anfang der Neunziger gesagt haben, sie sei eine "drittklassige Tingeltangel-Schnurre". Jetzt wurde sie letztes Jahr für den Grammy nominiert. Die Entscheidung fällt im Februar. Vielleicht hat die Lemper so ihren Frieden mit Berlin gemacht. Denn eine Grammy-Nominierung ist schon was anderes als irgendein deutscher Musikpreis.
Lemper und Manzel sind richtige May-Fans. Auch wenn Dagmar Manzel immer den Kopf so hochhält, als stünde sie über den Dingen, mit scharfen Augen alles verfolgt, sie kann sich dieses Bewundernde in ihrem Ausdruck nicht verkneifen. Noch vier Mal singt singt sie "Die sieben Todsünden" dieses Jahr. Wenn man das tut, kann man nicht anders als die May bewundern. Die May hat ja wirklich jedes Stück, dass Brecht und Weill zusammen erarbeitet haben, gesungen. Und wie sie es gesungen hat. 1966 schrieb der "Spiegel": "Tatsächlich hat Gisela May, 41, die Nachfolge der bekanntesten Brecht-Sängerin, der Weill-Witwe Lotte Lenya, angetreten. Während aber die Lenya die Shantys, Shimmys und Lotterlieder frech und fragil nahm, singt Gisela May sie auf ihrer ersten West-Platte mit fester Stimme und engagiert wie politische Songs." Heute ist Mays Stimme immer noch kräftig. Nur ihr Gesicht, ihre Haut, die ist so dünn, das man Angst hat, man könnte durchschauen. Das Halstuch hat die Farbe von Geranien. Aber wenn sie spricht, dann sieht man sie wieder wie früher vor sich. Manzel und Lemper nehmen beim Reden immer ein Mikrofon vor den Mund. So was braucht eine Gisela May nicht.
Ute Lemper findet, dass der amerikanische Weill kitschig gewesen ist. Andererseits sehen die Amerikaner die deutschen Weill-Kompositionen auch kritisch, weil die meisten Texte ja von Brecht stammen. Mit Kommunisten hätten die Amerikaner immer noch ihre Problemen. "September Song" aus dem Musical "Knickerbocker Holiday" von Weill mag sie trotz seiner amerikanischen Herkunft. Sie erinnert sich daran, wie sie bei einer Weil-Brecht-Revue in den Achtzigern Gisela May zugehört hat. Das war im Berliner Ensemble. Am Ende sei da noch ein Mann gekommen, der habe den einzig amerikanischen Song des Abends gesungen. In der DDR! Einen amerikanischen Song. Der Mann hatte eine Reagan-Maske und hat das Stück extra schlecht gesungen.
Aber die May kann sich leider nicht mehr erinnern. Aber sie hält das Glas mit einer Würde, so hat noch nie einer ein Glas gehalten. Es ruht ganz still in der rechten Hand. Ute Lemper will auch wissen, wie der Brecht das wohl gefunden hätte, dass er von der DDR so vereinnahmt worden ist als Staatskünstler. Aber für Gisela May scheint die Frage nicht so wichtig, weil sie antwortet, dass man den schon viel gespielt hätte und, dass das gut war. Dagmar Manzel ist ja in Ostberlin geboren. Brecht wurde ihr durch die Schule verbaut, sagt sie zum Schluss. Erst nach der Wende hat sie entdeckt, wie gut der war.
Dann ist Schluss, Gisela May wird abgeholt, sie muss noch proben. Am Donnerstag singt und spricht sie vier kurze Stücke. Die "Kleine Dreigroschenmusik für Blasorchester" und das "Berliner Requiem" werden dabei sein. Und bestimmt werden Manzel und Lemper so laut klatschen, wie es nur geht. An dem Abend wird es nur eine Göttin geben.
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