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Theater

Der König ist tot, doch die Guillotine arbeitet weiter

Das Volk will Brot - und kriegt Blut. Die Guillotine kommt kaum zur Ruh. Die vielen Hinrichtungen müssen sein, weil der Gang der Geschichte in diesen Zeiten beschleunigt ist und der "Strom der Revolution bei jedem Absatz bei jeder neuen Krümmung seine Leichen ausstößt", wie St. Just sagt, den Georgios Tsivanoglou als zynischen Scharfmacher und Intriganten spielt. Der erste Teil der französischen Revolution ist vorbei, der König tot, aber wie geht es weiter? Mit Terror? Freiheit? Wohlstand? Glück?
'Danton's Tod' im Berliner Ensemble



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Darum geht es in Georg Büchners Revolutionsdrama "Dantons Tod", das Hausherr Claus Peymann am Dienstagabend im Berliner Ensemble (BE) inszeniert hat. Dass er dabei ein Häkchen in den Titel schmuggelt und das Stück so zum eher englisch anmutenden "Danton's Tod" mutiert, überrascht an einem Haus, das sich schwerpunktmäßig der deutschsprachigen Dramatik verschrieben hat.

Flugblätter segeln herunter

Es war nicht die einzige Überraschung an diesem dreistündigen, keineswegs langen Theaterabend: Als das Publikum nach der Pause im plüschigen Gestühl Platz genommen hat, geht der Blick zum ersten Rang: Dort stehen Männer, die lautstark "prekäre Arbeitsverhältnisse" und einen fehlenden Tarifvertrag anprangern. Flugblätter ("Gesellschaftskritische Stücke spielen und gleichzeitig Menschen ausbeuten - das ist die Wirklichkeit am Berliner Ensemble") segeln aus dem zweiten Rang, dann verschwinden die Demonstranten. Auf der Bühne geht's weiter. Echt oder inszeniert - das ist jetzt die Frage.

 

Nein, es gehörte nicht dazu, erklärt am nächsten Tag das Theater, das die Gewerkschaft Verdi hinter der Aktion vermutet und über eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch nachdenkt. Ansonsten verweist man auf die laufenden Gespräche mit Verdi über einen Tarifvertrag.

 

Karl-Ernst Herrmann hat für "Dantons Tod" eine schräge Bühne entworfen, die sich zum Horizont hin verjüngt und schnelle Szenenwechsel durch das Herunterlassen einer Wand zulässt. Bei den Massenszenen gelingen Peymann beeindruckende Bilder. Bei der Sitzung des Nationalkonvents werfen die Delegierten französische Fähnchen beschwert mit massiven Metallspitzen auf die Bühne und singen dann die Marseillaise immer lauter, bis man das Gefühl hat, dass Musik auch das Fallbeil ersetzen könnte.

 

Weiß geschminkt sind die Akteure, die überwiegend Kostüme aus der Zeit tragen, die Mads Dinesen, Wicke Naujoks, Julia Schweizer kreiert haben. Dass dabei die Bösen in Schwarz und die Guten in Weiß auftreten, dürfte Peymanns Hang zum Bildhaften geschuldet sein, der gelegentlich ins Karikaturhafte abrutscht. Die feinen Zwischentöne sind seine Sache auch bei dieser Inszenierung nicht.

 

Die eigentliche Überraschung ist aber, dass der Regisseur als Alt-68er offenkundig Sympathie für Robespierre hegt, den asketischen Vertreter der reinen Lehre. Veit Schubert verpasst diesem "Blutmessias" auch selbstzweiflerische Züge. Wenn er im Halbdunkel am Bühnenrand steht, die Hände krampft und ins Leere schaut, sieht er mit seinem bleichen Gesicht und den streng zurückgekämmten Haaren aus wie Nosferatu. Vor 40 Jahren hätte sich Peymann wahrscheinlich Danton, für den Genuss und Revolte keine Widersprüche sind, näher gefühlt. Ulrich Brandhoff lotet die Tiefen und Untiefen seiner Figur aus; mit Waschbrettbauch und Wuschelmähne unterscheidet sich sein Danton rein äußerlich deutlich von den gängigen Darstellungen.

 

Es ist der Abend des Ensembles (24 Namen nennt das Programmheft) und vorzugsweise der Männer (darunter Norbert Stöß, Roman Kanonik und Felix Tittel). Die Frauen stehen etwas im Schatten: Angela Winkler legt einen kurzen, aber nachhaltigen Auftritt als mädchenhafte Hure hin. Katharina Susewinds Julie ist eine zart-zerbrechliche Person. Und keiner kann so schon keifen wie Ursula Höpfner-Tabori. Das Publikum spendete lang anhaltenden Beifall, ein paar zaghafte Bravos waren zu hören, keine Buhs - das ist nicht selbstverständlich am Berliner Ensemble.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Tel. 284 08 155. Termine: 16. und 21. Januar (20 Uhr); 2. Februar (19.30 Uhr).

 

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