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Der brave Jägerbursche Max schießt daneben. Bauer Kilian erlegt die Dame im Pelz und darf sie auf offener Bühne entkleiden und ausweiden. Der spanische Opernregisseur Calixto Bieito, einer der bedeutendsten, streitbarsten seines Fachs, ist immer gut für eine blutige, sexistische Provokation. Seine Neuinszenierung ist vorsorglich erst ab 16 Jahren empfohlen.
Carl Maria von Webers "Freischütz" hat es leider schon seit Jahrzehnten schwer, schulbuchgemäß auf den Bühnen umgesetzt zu werden. Das hat verschiedene Gründe, zuerst die frühromantisch schwülstige Sprache des Librettos. Aber auch das musikalisch Fühlbare ist sperrig in einer Zeit, in der viele Regisseure nicht mehr an das Gute im Menschen glauben wollen. Bieito ist einer von ihnen. Aber gerade von Hoffnung lebt diese deutschen Nationaloper, die 1821 in Berlin, unweit der Komischen Oper im damals neuerbauten Schinkelschen Schauspielhaus, uraufgeführt wurde. Napoleon war besiegt, eine Neufindung der Nationen hatte begonnen. Auf den Straßen wurden - so wissen wir von Heinrich Heine - die volkstümlichen Opernhits gesungen. Sogar die Hunde würden den "Jungfernkranz" bellen, spottete der in Berlin weilende Dichter.
Der "Freischütz" spielt kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg, in einem Dorf versuchen sich die Menschen - auch in Regeln des Miteinanders - wiederzufinden. Aber all das schiebt Bieito beiseite und verlegt die Handlung in eine Gegenwart mit Jagdgewehren und Maschinenpistolen. Lebt Webers Oper von Hell oder Dunkel, Gut oder Böse, Liebe oder Angst, Brautkranz oder Totenkrone, reduziert es der Regisseur auf Wirklichkeit oder Wahn. Bauer Kilian erschießt zu Beginn eigentlich das Wildschwein, Jägerbursche Max hat beim Anblick der Frau gewissermaßen eine Ladehemmung. Max ist ein schwerer Therapiefall. Er hat offenbar einiges zu tragen bei Bieito: den Ödipuskomplex, verdrängte Sexualität, ein Gewalttrauma, Lebensangst, was sich schließlich in Gewalt und Zerstörung entlädt. Hoffentlich glaubt der spanische Regisseur nicht, damit die deutsche Seele beschrieben zu haben. Als Opernregisseur ist Bieito zweifellos am 20. Jahrhundert und vor allem auch an Freud geschult, den Max will er großformatig auf die rote Couch legen. Was in der Oper so einfach nicht geht, weswegen ihm Rebecca Ringst ein passendes Einheitsbühnenbild gebaut hat: einen düsteren Herbstwald. Hier herrscht der Nebel des Grauens. Archaische Einsamkeit. Lieblosigkeit.
Zur Schlüsselszene wird die berühmte Wolfsschluchtszene, in der Max in die Abgründe seiner Seele hinabsteigt. Ein schweres Unterfangen. Schon der Komponist empfahl zur Uraufführung mehr realistischen Spuk: "Lassen Sie die Augen der Eule tüchtig glühen." Das tut Bieito: Er lässt den bösen Kaspar ziemlich real einen Ritualmord an einer verschleppten Braut vollziehen, zwischen ihren Beinen werden die sieben Freikugeln gegossen, derweil schreit Max "Mama, Mama", schneidet dem gefesselten Bräutigam (also sich selbst) die Kehle durch und verwandelt sich in eine Art Rambo. Irgendwie ist es komisch. Der traumatisierte Kriegsheld, wissen wir aus Actionfilmen, ist gewaltbereit, kommunikationsgestört und asexuell.
Vincent Wolfsteiner hüpft splitternackt über die Opernbühne, streckt dem Publikum sein Gemächt entgegen. Es lenkt zumindest davon ab, dass sein Tenor die Partie des jugendlich-heldischen Max nur in ihrer Brüchigkeit und kaum mit großer Leidenschaft ausfüllt. Seine männlichen Gegen- und Mitspieler - Carsten Sabrowski als dämonischer Kaspar, Christoph Späth als bodenständiger Kilian, Günter Papendell als süffisanter Ottokar und Alexey Tihomirov als besessener Eremit - können mehr Statur einbringen. Was auch mit der Eindimensionalität ihrer Rollen zu tun hat. Männer sind gewalttätig, wohingegen die Frauen willig wirken. Bieito zeigt letztere als einen fröhlichen Haufen schweinchenhafter Wesen - wenigsten sind sie in dieser Inszenierung mal keine Prostituierten. Überraschenderweise kann die zarteste Stimme in der Solistenriege, das Ännchen von Julia Giebel, am meisten Seele einbringen. Sopranistin Inga Kringelborn ist als Braut Agathe wunderschön anzuschauen, aber ihre hingehuschten Verinnerlichungen erreichen nicht die Herzen des Publikums. Am bezauberndsten sind die Chöre, allein für den verspielt-verkicherten "Jungfernkranz" und den machohaften "Jägerchor" würde der Besuch lohnen. Das Orchester der Komischen Oper unter Leitung von Patrick Lange lässt die Melodien strömen, umspielt gekonnt die armen Sänger im dunklen Wald. Musikalisch ist es ein wunderbarer Abend.
Erwartungsgemäß lässt Bieito die Oper blutig enden: Der nackte Max knallt Kaspar und Agathe ab, die brutalen Jäger daraufhin Max und gleich noch den verspinnerten Eremiten. Dazu frohlockt Webers Musik, die ein Happy End fordert. Deshalb wird das Ende auf der Bühne höhnisch weggelacht. Was unangenehm aufstößt. Es offenbart, dass Bieitos Psychoanalyse der Oper gescheitert ist. Dafür bekommt er vom Publikum viele Buhs. Aber zu einem Skandal reicht es nicht, einfach weil die Inszenierung nicht berührt.
Der Freischütz Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 47 99 74 00. Termine: 4., 7., 21. u. 24. Februar sowie 4., 9. u. 29. März (ab 16 Jahren empfohlen)
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