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Charlotte Rampling

"Du musst deine Kinder gehen lassen"

Die Frau, die sie daheim in Frankreich "die Legende" nennen, und ihr Sohn sind gut zusammen. Es geht ein feines Gefühl von gegenseitigem Respekt von ihnen aus, wie sie so nebeneinander sitzen in einem Raum der abstruser Weise Gotthard heißt, weil er wahrscheinlich irgendwie heißen muss und bis auf einen gewaltigen Tisch bemerkenswert leer ist.
Berlinale - 62. Internationale Filmfestspiele Berlin



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Zum ersten Mal sitzen sie zusammen in so einer Veranstaltung. Zum ersten Mal haben sie zusammen gearbeitet. Charlotte Rampling und ihr 41-jähriger Sohn Barnaby Southcombe. Zerbrechlich sieht sie aus. Es geht ihr aber gut, wie ein Messer blitzt ihr Humor durch den Gotthard. Ihr Sohn ist ungefähr so cool wie seine Psychothrillertragödie aussieht.

 

Viel britisches Fernsehen hat Southcombe gemacht, hat Drehbücher geschrieben. Vor vier Jahren drückte ihm ein befreundeter Produzent einen Roman in die Hand, sagte "liest das mal", und wusste wahrscheinlich ganz genau, welcher Frau Barnaby Southcombe darin sofort begegnen würde. Seiner Mutter nämlich. Sie musste einfach Anna werden. Wollte sie aber erst mal gar nicht. Als Barnaby ihr den ersten Script-Entwurf zeigte, war sie so gar nicht interessiert. Nicht wegen Anna, sondern weil es nicht auf dem Niveau dessen war, was sie von ihrem Sohn gewohnt war. Sie kann da streng sein und sieht dabei aus wie meine Deutschlehrerin.

 

Niemand hätte das so spielen können

 

Barnaby arbeitete weiter dran, machte noch ein bisschen Fernsehen, die Klärung der Rechte zog sich hin. Und als er fertig war, schickte er das Script Ramplings Agentin, die im Gotthard mit am Tisch sitzt. Auf direktem Weg, sagt er, habe er sich dann doch nicht an die Übergabe getraut. Dann ging alles ganz schnell. Und Charlotte Rampling ist jetzt Anna, wie sonst niemand Anna hätte sein können. Eine einsame Frau wieder, eine gebrochene, eine mit einem Rätsel. Um unter Leute zu kommen, macht sie bei Single-Speed-Dating-Partys mit. Vom Mann geschieden, die Tochter und das Enkelkind leben mit in der kleinen Wohnung in London, begibt sie sich auf die Suche, geht mit einem mit, liegt plötzlich neben dessen Leiche, läuft los und in einen schlaflosen, grauen, traurigen Kommissar hinein, der aussieht wie die europäische Antwort auf Al Pacino, weil er von Gabriel Byrne gespielt wird.

 

Langsam geht es zu in "I Anna" und dunkel. Und zeitlos. Es schellen beige Tastentelefone, Telefonzellen werden benutzt, Handys und Laptops. Gespenster gehen um. Ein Puzzle wird gespielt, dessen Bild erst mit dem letzten Stück sichtbar wird. Southcombes Debüt ist der erstaunliche, erstaunlich gelungene Versuch einer Runderneuerung des Film Noir und seiner Verpflanzung ins sehr graublaugrüne London des 21. Jahrhundert.

 

Mütterrollen sind deutlich unterrepräsentiert in der langen Liste jener immer wieder einsamen, gebrochenen, rätselhaften Frauen, denen Barnaby Southcombes Mutter ein unverwechselbares Gesicht gegeben hat, besser: einen Blick, einen für Männer tödlichen Blick. Den hat sie immer noch. Sie kann ungeheuer viel mit den Augen. In "I Anna" wächst der Chefenigmatikerin des Kinos aber zusätzlich eine ganz neue, zerbrechliche, weise Wärme zu.

 

Die Mütterphase hat sie mit "I Anna" einfach mal übersprungen. Nun ist sie eine der attraktivsten Großmütter der Filmgeschichte. Wieder rätselhaft, wieder mysteriös. Wieder mit einer geradezu magischen Ausstrahlung. Aber nun einer, die ganz woanders herkommt. Ganz von innen, aus der Seele. Ganz kalt wird es einem in diesem London eigentlich, das so ganz anders aussieht als gewohnt. Bis ganz auf den Grund der Verzweiflung geht Barnaby Southcombe mit seiner Mutter und Gabriel Byrne. Und dann zeigt er, dass selbst da nicht so finster ist, dass nicht auch da noch ein bisschen Hoffnung wächst.

 

Ganz nebenbei erahnt man, während man Anna beim Kümmern um die Trümmer ihrer Familie beobachtet, was man sich eigentlich gar nicht vorstellen konnte. Die rätselhafte, die mysteriöse Frau macht Fläschchen, schiebt Kinderwagen. Sehr herzlich lachen beide über die Fantasie einer Gala-und-Gratis-Vorstellung im "rampeln" (nach Charlotte Rampling erfundener britischer Spezialausdruck für "kühle Sinnlichkeit, die Männer fertig macht") - eine gespensthafte Frau mit Sonnenbrille bei Brötchen und Marmelade im Kreise ihrer Lieben. Sehr witzig. Aber Käse. Charlotte Rampling muss man sich vollkommen fantasielos als ganz normale Mutter vorstellen. Den Umständen ihres Berufs entsprechend jedenfalls.

 

Eine ganz normale britische Hausfrau, die am Sonntagmorgen den Sundayroast, den Rinderbraten in den Ofen schiebt und dann für Stunden darin vergisst, die Trifle backen kann und so etwas, ist nie aus ihr geworden. Kochen, sagt Barnaby Southcombe, war immer ein Desaster. Bis auf, korrigiert er sich gleich, sie besteht darauf, bis auf den Weihnachtstruthahn. Den kann sie.

 

"My leading lady" nennt er sie

 

Früh hat sie Barnaby mitgenommen zum Set. Da hat er alles inhaliert, er ist da rein gewurzelt. Sie hat das schnell gespürt. Gemerkt, dass da etwas wuchs, das sie nicht verhindern konnte und auch nicht wollte. Barnaby spielte in der Schule Macbeth und den ganzen Rest, wollte ursprünglich Schauspieler werden. Dass er dann Regisseur wurde, hat sie nicht zu verhindern gesucht, forciert aber, gibt sie zu, hat sie es auch nicht.

 

Im Grunde, sagt sie, seien Eltern ohnehin vor allem dafür da, ihre Kinder gehen zu lassen. Drei Kinder hat sie, Barnaby mit dem neuseeländischen Schauspieler Bryan Southcombe, David und Emily mit dem Musiker Jean-Michel Jarre (dreifache Großmutter ist sie auch). Sie sei kein Kontrollfreak, hat sie mal gesagt, dafür habe sie selbst zuviel Angst vor Kontrolle. Sie und ihre Kinder korrigieren, kritisieren sich, tauschen sich aus. Charlotte Rampling lässt ihnen ihr Leben, hilft ihnen, drängt sich aber nicht auf. Sie ist für sie da. Eine Leitfigur. "My leading lady" hat Barnaby Southcombe sie genannt.

 

In Angelina Maccadones wunderbarem Dokumentarfilm "Charlotte Rampling - The Look" sieht man sie mit Boxhandschuhen. Sie knuffen sich. War ein Spiel, sagen sie. Am Set war alles ganz friedlich. Sie brauchten nicht viel zu reden vorher, wie es sein würde, wie es werden sollte. Sie würden sich an den "Pact of honour" halten. Eine Schauspielerin und ein Regisseur. Ganz normal. Ein tolles Gespann. Ein guter Film.

 

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