Adventsserie
"Ha, da klebt nix"
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Der Pullover kommt zur bestmöglichen Zeit. Satenig Sander, 26, von allen Sati genannt, steht mit ihrem sehr gewinnenden Lächeln da und verpackt die Aussage, dass Lacrosse viel mehr als bloß ein Sport sei, in viele schöne Sätze. Aber keiner dieser Sätze ist so aussagekräftig wie der Pullover, den Torfrau Sophia trägt. Die kommt gerade zum Kunstrasenplatz gelaufen, in voller Trainingsmontur, mit Schläger und Helm. "I © Lacrosse" steht auf ihrer Brust. Sati lächelt zufrieden. "Siehst du, eine Lebenseinstellung, nicht bloß ein Sport." Was kann eine Jugendtrainerin mehr verlangen, als die Identifikation ihrer Schützlinge mit dem, was sie tun.
Nur: Was tun sie eigentlich genau? Im Gegensatz zur Herrenversion ist Damen-Lacrosse ein sehr systematischer, körperkontaktarmer Mannschaftssport. Auf Fußballfeldgröße treten zwölf gegen zwölf an, bei den Juniorinnen sind es sieben je Team. Wie beim Eishockey sind die Tore ins Spielfeld eingerückt. Die Spielerinnen führen einen Schläger bei sich, Stick genannt, der am einen Ende ein kleines, recht straff geflochtenes Netz hat. In diesem wird der gelbe Hartgummiball transportiert, den es im gegnerischen Tor unterzubringen gilt. Sati nennt Lacrosse "den schnellsten Sport auf zwei Beinen". Man könnte auch sagen: Feldhockey mit Action. Gespielt wird nämlich ebenso wie dort in Trikot und Rock, nur geht alles sehr viel schneller. Obligatorisch ist ein Mundschutz, denn der Ball kann Spitzengeschwindigkeiten von 160 km/h erreichen.
Sati, Jurastudentin kurz vor dem Abschluss, macht diesen Sport seit acht Jahren. Ihr Bruder kam damals als Lacrosse-Fan von seinem Austauschjahr in den USA zurück. Sati, die bis dato Tennis gespielt hatte, war sofort angetan. Als sie anfing, gab es noch drei Damenmannschaften in Berlin. Heute gibt es nur noch eine. Der Sport sei leider einfach zu unbekannt, sagt sie, "die meisten kennen ihn ja gar nicht". So blieb der Nachwuchs aus - auch, weil sich niemand darum kümmerte, starben die Vereine. Das sollte beim "Blax" (Berlin Lacrosse), der inzwischen dem SCC Berlin angegliedert ist, nicht passieren. "Auch bei uns kam einfach nichts mehr nach. Das war für mich der Impuls, mich zu engagieren." Also ging sie im Frühjahr 2008 in Schulen in Charlottenburg und rekrutierte Kinder und Jugendliche. Seither ist sie nicht nur selbst aktiv in der Bundesliga, sondern beim "Blax" auch: Jugendsportwärtin, Vorstandsmitglied, Cheftrainerin der Juniorinnen. Alles ehrenamtlich. Lacrosse, nun ja, für sie ist das eben einfach mehr als bloß ein Sport.
"Sie waren sehr fleißig"
Zum ersten Training kamen 60 Mädchen. Eine sehr gute Ausbeute. Und ein heilloses Durcheinander. Fußball oder Basketball, das hat ja jeder schon mal irgendwann mit Eltern oder Freunden ausprobiert. Aber Lacrosse? Allein den Ball mit dem Schläger aufzunehmen ist schon nicht so einfach. Ihn zielgenau passen zu können, steht noch mal auf einem ganz anderen Blatt. "Daran scheitern auch erwachsene Männer", sagt Sati. Und doch: Bereits Ende des Jahres hatte sie ihr Team beim Ligabetrieb angemeldet. Nur ein paar Monate später wurden sie Dritter bei den Deutschen Meisterschaften. "Sie waren sehr fleißig", sagt sie. Sati ist stolz auf ihre Mädels.
Fairerweise muss man sagen: Die Lacrosse-Szene in Deutschland ist noch sehr überschaubar, Sati nennt das lieber "familiär". Im Fußball gibt es neben den zahlreichen Erwachsenenligen die G-, die F-, die E-, die D-, die C-, die B- und die A-Jugend. Im Lacrosse gibt es auf Jugendebene pro Verein nur zwei Mannschaften - je ein Mädchen- und Jungsteam für alle unter 16. Für die Juniorinnen, die Sati trainiert, existieren in ganz Deutschland außerdem nur zwei Ligen: Eine Bundesliga Nord, eine Süd. Aber das sei ja auch wiederum das Schöne an diesem Sport. Man könne wirklich erfolgreich sein, selbst wenn man nicht schon im Kleinkindalter angefangen hat. Nichtsdestotrotz sei es an der Zeit, die Familie zu vergrößern.
Es ist kalt an diesem Dienstag, der erste wirklich kalte Tag des Jahres. Um den von acht Flutlichtstrahlern erleuchteten Kunstrasenplatz schleicht der Nebel. Die sieben Mädchen, die heute zum vorletzten Training im Freien gekommen sind, laufen sich warm. Sie alle wiegen dabei ihren Stick in der Hand, von links nach rechts, "Cradeln" heißt das beim Lacrosse. Sati ist überzeugt, dass die Mädchen ihre Arm-Bein-Koordination so am besten schulen. Zwei sind zu spät gekommen, sie entschuldigen sich wortreich, aber Sati ist unerbittlich und lässt sie fünf Liegestütze machen. Strafe muss sein. Wer zum Beispiel während des Trainings ohne zu fragen eine Trinkpause macht, muss fünf sogenannte Starjumps machen. Sprünge, bei denen man Beine und Arme von sich streckt, als sei man ein Stern. Es ist schön zu beobachten, wie sie mit ihren Schützlingen umgeht. Auf Augenhöhe, aber dennoch so bestimmt, dass sie ihr nicht auf der Nase herumtanzen. Wenn Sati in der Mitte dieser 13- bis 15-Jährigen steht, dann fällt einem kaum auf, dass sie mehr als zehn Jahre älter ist. Sie hat ein junges Gesicht, zudem überragen einige sie um einen ganzen Kopf.
Und nebenbei Englisch lernen
90 Minuten dauert das Training. Laufen, passen, schießen, Taktik, das meiste wird auf Englisch besprochen. Nicht nur, weil Satis Helferin Rebecca aus den USA stammt, sondern vor allem, weil die meisten Begriffe beim Lacrosse eben Englisch sind: Checking, Cutting, Dodging, Groundballs, dutzende mehr. Es würde zu weit führen, dass jetzt alles im Einzelnen zu erklären. Wichtig ist nur: Auf diese Weise lernen Satis Mädchen nebenbei noch umgangssprachliches Englisch. Das finden auch die Eltern gut.
Satenig Sander ist eine von 1,85 Millionen Deutschen, die mit ihrem langfristigen ehrenamtlichen Engagement das Vereinsleben überhaupt erst ermöglichen. Hinzu kommen bundesweit noch einmal sieben Millionen Menschen, die sich kurzfristig engagieren. Also jene, die mal an einem Wochenende das Vereinshaus streichen oder beim Saisonfest Würstchen verkaufen. Der Sport ist der größte Ehrenamtsmotor der Republik. Bei vielen Freiwilligen fragt man sich, woher sie die Zeit nehmen. Als Schüler, okay, da hat man an den Nachmittagen frei, bei Rentnern ist das auch nachzuvollziehen. Aber Berufstätige? Oder - wie Sati - vielbeschäftigte Studenten? Ohne Leidenschaft für die Sache ist das nicht zu machen.
Insbesondere, wenn man sich wie Sati auch noch zum größten Teil selbst um die Finanzierung des Studiums kümmern muss. "So oft es nur geht" arbeitet sie in einer Kanzlei, als freie Mitarbeiterin. Sie formuliert Klageerwiderungen, Schriftsätze, führt Mandantengespräche, recherchiert Hintergründe. Zudem gilt Rechtswissenschaft als eines der lernintensivsten Studienfächer überhaupt. Nicht wenige kappen viele soziale Kontakte im Jahr vor dem ersten Staatsexamen. Sati hat den schriftlichen Teil gerade hinter sich gebracht. Viele sagten ihr vorher, dass sie das mit dem Ehrenamt in der Lernzeit vergessen könne. Sie hat trotzdem weitergemacht - und es durchgezogen. Zweimal pro Woche Training mit den Mädchen, zweimal selbst, dazu am Wochenende Spiele - in Hamburg, Kiel, Hannover. Und damit ist die Arbeit ja nicht getan. Die Auswärtsfahrten müssen organisiert, Zugtickets gebucht werden. Sie bereitet die Übungen vor, macht sich über Taktik Gedanken und bis sich "Blax" dem SCC anschloss, musste Sati jede einzelne Trainingseinheit bei der Stadt beantragen. Das zehrt an den Nerven. "Aber wenn man so etwas anfängt, dann muss man es auch durchziehen. Man kann einer Gruppe von 14-Jährigen ja auch nicht von einem auf den anderen Tag sagen: So, ich lasse euch jetzt allein. Die verlassen sich doch auf mich." Es gibt eigentlich auch nicht so recht eine Alternative. Wenn sie es nicht macht, wer dann?
Ganz alleine muss aber auch Sati das nicht stemmen. Sie hat zwei Helferinnen, Rebecca Biederbick und Rebecca Lee Gibson, die sie bei allem rund ums Training der Mädchen unterstützen. "Die beiden müssen unbedingt erwähnt werden", sagt sie. Sie schickt sogar später noch mal eine SMS, damit man das bloß nicht vergisst. Sie ist keine, die Applaus für ihre Arbeit will. Die Motivation ihrer Schützlinge ist ihr Lob. Motivation, sagt Sati, sei ohnehin das A und O beim Lacrosse. Klar, man brauche auch Geduld, Ballgefühl, Schnelligkeit, besonders im Angriff, aber "wer motiviert ist, der lernt schnell. Das ist der Schlüssel."
Fast wie bei Harry Potter
Und leisten kann man sich den Sport auch, auch wenn man nicht im Grunewald aufwächst. Zehn Euro Mitgliedsbeitrag pro Monat müssen die Eltern für ihre Töchter entrichten. Die Ausrüstung, also Handschuhe, Mundschutz, Schutzbrille und Schläger, kosten einmalig etwas mehr als 100 Euro. Für jene, dich sich das dennoch nicht leisten können, hält Satis Verein aber auch Leihschläger bereit. Mit denen spielt am Anfang jeder. Denn mit dem Stick beim Lacrosse verhält es sich in etwa so wie mit dem Zauberstab bei Harry Potter. Man muss ein paar ausprobieren, bevor man weiß, welcher zu einem passt.
Der Nebel bedeckt so langsam auch das Spielfeld, die Mädchen werfen sich die Hartgummibälle hin und her. Sati steht mit ihrem - sehr amerikanischen - Taktikbrett am Rand und gibt Anweisungen. Normalerweise macht sie selbst mit, gutes Vorbild und so, aber sie muss ja heute von ihrem Sport erzählen. Sie muss oft von ihrem Sport erzählen. Und es gibt da eine Frage, die sie immer wieder gestellt bekommt, wenn sie mit ihrem Stick unterwegs ist und keine Tasche dabei hat. Die Frage ist so unwahrscheinlich, so putzig und, ja, auch so doof, dass man das kaum glauben kann, aber Sati schwört, dass es so ist. Die Frage lautet: Gehst du Schmetterlinge fangen? Wer das weiß, kann ermessen, wie wichtig es für den Sport ist, dass Satenig Sander sich mit so viel Kraft für ihn einsetzt.
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